Low-Tech-Bauweise, Materialansatz und Kreislaufwirtschaft

Die Architektur, das Ingenieurwesen und die Bauindustrie stehen vor einer beispiellosen und dringenden Notwendigkeit, sich an die Spitze des systematischen Wandels hin zu einer Kreislaufwirtschaft zu stellen. Die Beschleunigung des Übergangs zu einer kreislauforientierten gebauten Umwelt, zusammen mit EIT Klima-KIC, Circular Berlin sprach mit Andrea Klinge, um wichtige Erkenntnisse über die Kreislaufwirtschaft im Bausektor in Berlin und darüber hinaus zu erhalten.

Quelle: Daniela Friebel

Andrea Klinge, eine hochqualifizierte Architektin, ist eine Spezialistin für nachhaltiges Bauen und arbeitet als leitende Architektin für ZRS Architekten, wo sie die Forschungsabteilung aufgebaut hat. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Verwendung natürlicher Baumaterialien, die die Umweltqualität in Innenräumen verbessern, aber auch auf die Kreislaufbauweise.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Artikels. Das vollständige Interview wird veröffentlicht von Recycling-Magazin  (Internationale Ausgabe).

Wenn Sie über die Kreislaufwirtschaft in der Bauindustrie sprechen, wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Bei unseren Bauprojekten streben wir die Anwendung kreisförmiger Konstruktionsstrategien an, wobei wir uns auf die Verwendung von Holz und Lehmbaustoffen konzentrieren. Lehmbaustoffe sind von Natur aus zirkulär, während Holz aufgrund seines geringen Gewichts und der Möglichkeit, trockene Verbindungen herzustellen, ein großes Potenzial für zirkuläres Bauen bietet. Wenn recycelte Materialien entweder nicht verfügbar oder zu teuer sind, konzentrieren wir uns auf die Verwendung lokaler Ressourcen, um den Transportaufwand zu minimieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Entwicklung eines geeigneten Materialkonzepts, das eine Low-Tech-Bauweise ermöglicht. Durch die Verwendung von hygroskopischen Materialien, z. B. Lehm, Holz und Naturfasern, können wir nachhaltigere und gesündere Gebäude schaffen. Im Vergleich zu herkömmlichen Baumaterialien können natürliche Materialien größere Mengen an Feuchtigkeit puffern und dazu beitragen, die mechanische Belüftung zu reduzieren. Diese Strategie kann die Qualität des Innenraumklimas von Gebäuden verbessern, da die relative Luftfeuchtigkeit stabiler ist und im Winter zwischen 40% und 60% liegt und die Gebäude im Sommer weniger zur Überhitzung neigen. Dies ist auch in der heutigen Zeit mit dem Ausbruch des Coronavirus ein höchst relevantes Thema. 

Beide Aspekte sind wichtig für die Entwicklung nachhaltiger Bausysteme: Low-Tech-Bauweise durch die Reduzierung von Haustechnik, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung beim Bauen.

Wie sehen Sie die derzeitigen praktischen Anwendungen und Grenzen der Kreislaufwirtschaft in Ihrer Arbeit? Inwieweit ist die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen machbar? 

Der Bau mit wiederverwendeten oder recycelten Baumaterialien führt zu noch höheren Planungs- und Baukosten und längeren Fristen, die nicht für jeden Bauherrn akzeptabel sind. Es fehlt noch an einer entsprechenden Infrastruktur. Zudem ist die Verarbeitung und Handhabung von Recyclingmaterialien aufgrund des innovativen Charakters des Themas derzeit noch aufwändiger als bei Rohstoffen. Zusätzliche Forschung und Praxis, aber auch die steigenden Kosten für Neuware werden diese Herausforderung in naher Zukunft ausgleichen. Die Lebenszykluskostenrechnung (LCC), die die Umweltauswirkungen ganzheitlich widerspiegelt, ist daher von großer Bedeutung für die Förderung der Kreislaufwirtschaft.

Quelle: ZRS Architekten, Render-Manufaktur

Eines der Projekte, das dem Rundbau am nächsten kommt, ist ein neues Bauprojekt in Gut Buchholz - Neues Öko-Quartier in Berlin- Pankow. Das Wohnprojekt umfasst 83 zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuser, die aus Holz in Kombination mit Lehmbaustoffen (optional) und Stroh errichtet werden. 

Quelle: Matthew Crabbe

Das Verwaltungsgebäude des Tierparks Projekt in Berlin-Lichtenberg zeigt die Prinzipien des Lehrbaues für bestehende Gebäude auf. Aufgrund des Vorhandenseins von Schadstoffen und auch statischer Zwänge wurden die vorhandenen Fassadenelemente durch ein leichtes, vorgefertigtes, nicht tragendes Holzfassadensystem ersetzt, das den aktuellen Energiestandards für Neubauten entspricht. Im Innenbereich wurde der Hauptausbau, z. B. Wände und Bodenkonstruktionen, so weit wie möglich beibehalten, um den Ressourcenverbrauch zu minimieren. 

Wo sollte der Ausgangspunkt liegen, um eine Kreislaufwirtschaft im Bausektor zu ermöglichen?

Aufbau von Partnerschaften: Um die Prinzipien des kreisförmigen Bauens erfolgreich umzusetzen, ist es wichtig, die Unterstützung von gleichgesinnten Projektpartnern zu haben, die nachhaltiges Bauen fördern

Politik und Regulierung: Die Umstellung auf kreisförmiges Bauen muss auf politischer Ebene beginnen, indem nachhaltige rechtliche Rahmenbedingungen entwickelt und umgesetzt werden.

Anreize: Finanzierungsmodelle können bessere Voraussetzungen für nachhaltigere Bauprojekte schaffen. 

Technologische Hilfsmittel: Einer der potenziellen Wegbereiter für die Wiederverwendung und das Recycling von Holz ist ein vom Fraunhofer-Institut im Rahmen des Forschungsprojekts CaReWood entwickeltes technologiegestütztes Handwerkszeug, das die Analyse und Identifizierung von Holzschutzmitteln vor Ort ermöglicht.

Das Bewusstsein schärfenDie Zusammenführung von Interessengruppen kann das Bewusstsein schärfen und zur Verbreitung von Wissen beitragen. Achtsamkeit auf individueller Ebene ist ein Schlüsselfaktor.

Lesen Sie die vollständige Fassung des Interviews und die aufschlussreiche Frühjahrsausgabe von Recycling Magazin (Internationale Ausgabe).

Erfahren Sie mehr über Zirkuläres Bau-Ökosystem in Deutschland und lesen Sie den vollständigen Bericht “Berlins zirkuläres Bauökosystem”