Autor: Daniela Raffo
Letzte Woche (17-18.09.2026) veranstaltete Circular Berlin gemeinsam mit der Deutschen Energie-Agentur (dena) und Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie die zweite BuildSkills Academy Masterclass. An zwei Tagen brachten wir Experten aus der Bauindustrie, Bildungsvertreter und politische Entscheidungsträger zusammen, um einer zentralen Frage nachzugehen: Wie verbinden wir die rasanten zirkulären Innovationen im Bauwesen mit der Art und Weise, wie wir die Arbeitskräfte in der Praxis aktuell wirklich ausbilden?
Die Ausgangslage
Um diese Frage zu beantworten, mussten wir verstehen, wo der Sektor in Bezug auf Politik, Regulierung und technische Lösungen steht. Das Ergebnis war ein ermutigender Ausgangspunkt. Europäische Rahmenbedingungen wie die Neufassung der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) und die verpflichtende Berichterstattung über die gesamten Lebenszyklusemissionen (Whole Life Carbon, WLC) rücken das Thema Nachhaltigkeit ganz oben auf die Agenda. Gleichzeitig haben sich praktische technische Lösungen bereits in der Praxis bewährt:
- Petra van der Wielen (dena) hob hervor, wie biobasierte Baumaterialien zunehmend in der Breite Anwendung finden, um gebundene CO2-Emissionen zu reduzieren.
- Julius Schäufele (Concular) demonstrierte, wie digitale Materialpässe bestehende Gebäude in urbane Minen verwandeln, indem sie die Materialqualität erfassen und die Rückführung in die Lieferketten ermöglichen.
- Prof. Dr. Patrick Teuffel präsentierte Ergebnisse aus dem EU-Horizon-Projekt ReCreate, die belegen, dass konstruktive Betonfertigteile sicher rückgebaut und in großem Maßstab in neuen Gebäuden wiederverwendet werden können.
Die Herausforderung besteht jedoch in der Skalierung: Nachhaltiges und zirkuläres Bauen darf nicht länger eine Ansammlung inspirierender Ausnahmen bleiben, sondern muss zur Branchennorm und zum Standard in den Lehrplänen werden.
Während der Podiumsdiskussion sahen wir das Potenzial der Kernidee des BuildSkills Academy-Projekts: ein Dreieck aus Forschung, Bildung und Industrie, die sich gegenseitig vorantreiben. Um mit der politisch getriebenen Dynamik Schritt zu halten, betonten die Redner, dass wir den Mut zu Experimenten durch praxisnahes, feldbasiertes Lernen haben müssen und uns nicht davor scheuen dürfen, designgetriebene Themen in Ingenieursbereiche einzubringen. Initiativen wie die Zentren der beruflichen Exzellenz (Centres of Vocational Excellence, CoVECs) haben sich als wichtige institutionelle Treiber erwiesen, um diese experimentellen Lernmodelle in ganz Europa zu testen und zu skalieren.
Neue Kompetenzanforderungen aus der Industrie
Als wir 2023 mit dieser Arbeit begannen, war unser ursprüngliches Ziel, die grünen, digitalen und nachhaltigen Fähigkeiten zu kartieren, die für die doppelte Transformation ("Twin Transition") in den nächsten zwei Jahrzehnten erforderlich sind. Kaum drei Jahre später haben sich beide Bereiche bereits weiterentwickelt. Die erste Lektion, die wir gelernt haben, ist, dass keine geschlossene Liste von Fähigkeiten den Kontakt mit einer sich wandelnden Industrie überlebt; kontinuierliches Feedback zwischen Handwerkspraxis, Technologieanbietern und Bildungseinrichtungen ist unerlässlich. Zu den wichtigsten Erkenntnissen aus unseren Sitzungen gehören:
- Technische Fähigkeiten können nicht einfach per Copy-and-Paste-Vorlage auf alle EU-Mitgliedstaaten übertragen werden, da sich Materialien und Technologien je nach Geografie, Klima und wirtschaftlichen Prioritäten unterscheiden.
- Datenmanagement und -analyse sind zentral für das zirkuläre Bauen, aber der Sektor ist noch zu langsam, um deren volles Potenzial zu erfassen und in Berufsbilder zu integrieren.
- Künstliche Intelligenz wird zunehmend Teil der täglichen Arbeit im Bauwesen, insbesondere bei der Materialkartierung, der strukturellen Bewertung und der Projektlogistik.
- Fachübergreifende Kommunikation, Projektmanagement und kollaborative Problemlösung sind genauso wichtig wie die physischen handwerklichen Abläufe.
- Wiederverwendung, Reparatur, Sanierung und Recycling erfordern von den Arbeitskräften die Entwicklung neuer Kompetenzen in den Bereichen Materialbewertung, selektiver Rückbau, Sortierung, Lagerung und Logistik.
- Die energetische Sanierung (Retrofitting) erfordert Fähigkeiten, die traditionelles Bauwissen mit Energieeffizienz, CO2-Wirkungsanalyse und zirkulärem Design verbinden.
- Zirkuläre Geschäftsmodelle erfordern neben technischer Expertise auch Management-, Organisations- und kaufmännische Fähigkeiten, um effektiv zu funktionieren.
Innovation im Klassenzimmer
Um langjährige Gewohnheiten ("So haben wir schon immer gebaut") zu überwinden, müssen sowohl Lehrende als auch Lernende mit modernen Lernmethoden gestärkt werden. Wie am zweiten Tag deutlich wurde, ist der Werkzeugkasten für die bildungspolitische Neugestaltung bereits gut gefüllt:
- Feldbasierte Ausführung: Dr. Antonia Christou (Technische Universität Zypern) demonstrierte die praktischen Auswirkungen von studentischen Aufbau- und Demontageprojekten unter realen Baustellenbedingungen.
- Spielerische Entscheidungsfindung: Vitus Mayr (PECO-Institut) zeigte, wie interaktive Simulationstools wie "Build it Circular!" zirkuläre Materialentscheidungen direkt in die Klassenzimmer der Berufsschulen bringen.
- Stärkung des traditionellen Handwerks: Dr. Constanze Küsel (Handwerkskammer Koblenz) hob Weiterbildungsprogramme im Lehm- und Naturbaustoffbau hervor, die traditionelles Handwerk an moderne, kohlenstoffarme Anforderungen anpassen.
- Plattformen für branchenübergreifende Zusammenarbeit: Luzius Rüedi (NOVISIO) präsentierte Open-Innovation-Modelle, die Handwerksprofis, Branchenführer und Start-ups miteinander verbinden.
Ein häufiger Vorschlag, um Bildungsansätze an die Innovationen der Industrie anzupassen und zu beschleunigen, ist die Bereitstellung kurzer, zielgerichteter Schulungsmodule, um die Fähigkeiten der Arbeitskräfte kontinuierlich zu aktualisieren.
Lehrkräfte zu stärken bedeutet, ihnen die Ressourcen an die Hand zu geben, um wirtschaftlich und strukturell auf dem neuesten Stand zu bleiben. Öffentliche Programme müssen langfristige Anreize für Innovationen im Klassenzimmer schaffen und diese aufrechterhalten, damit Lehrkräfte Kurse weiterentwickeln können, ohne ihre Finanzierung zu riskieren, weil ihnen in späteren Förderaufrufen gesagt wird, sie würden lediglich bestehendes Material wiederholen. Der Kapazitätsaufbau beim Lehrpersonal erfordert Zeit und Ressourcen; er darf nicht nur ein nachträglicher Gedanke zum eigentlichen Lehrplan sein. Um dies zu erreichen, müssen Vorschriften, Lehrpläne und Qualifikationen geändert werden. Dennoch bleibt die Anpassungsfähigkeit in den EU-Ländern eine Herausforderung, da die Einführung neuer Themen neben starren administrativen Anforderungen von allen Beteiligten erhebliche Anstrengungen erfordert.
EU-Austausch und Zusammenarbeit
Auch wenn Initiativen wie die BuildSkills Academy und die Zentren der beruflichen Exzellenz die unterschiedlichen europäischen Bauvorschriften oder Berufsbildungssysteme nicht sofort harmonisieren können, so schaffen sie doch wesentliche Mechanismen für langfristige Fortschritte:
- Projekte sollten die von ihnen geschaffenen Netzwerke stärken und vernetzen, anstatt temporäre Strukturen aufzubauen, die nach Auslaufen der Förderung wieder verschwinden.
- Digitale Tools machen Qualifikationsrahmen, Lernangebote, Schulungsmaterialien und Kompetenzprofile länder- und institutionsübergreifend allgemein zugänglich.
- Micro-Credentials (Kleinstnachweise), digitale Lernnachweise, klarere Kompetenzbeschreibungen und eine stärkere Verknüpfung von nationalen Qualifikationen mit europäischen Rahmenwerken erleichtern die grenzüberschreitende Anerkennung praktischer Fähigkeiten.
- Die frühzeitige Einbindung politischer Entscheidungsträger stellt sicher, dass erfolgreiche Bildungspiloten direkten Einfluss darauf haben, wie die Entwicklung, Validierung und Anerkennung von Fähigkeiten reguliert werden.
Letztlich geht es bei der europäischen Zusammenarbeit darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen und Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten voneinander lernen, verschiedene Arbeitsweisen verstehen und effektiv zusammenarbeiten können. Übertragbarkeit erfordert gemeinsame Rahmenbedingungen in Kombination mit offener Kommunikation, gegenseitigem Verständnis und gemeinschaftlicher Praxis.
Was wir als Circular Berlin gelernt haben
Die Teilnahme an diesem Projekt hat Circular Berlin aus unserer Komfortzone geholt. Es ist nicht nur in Berlin angesiedelt, und wir haben weder selbst einen Kurs pilotiert noch die Inhalte getestet. Es behandelt Themen, die über die Kreislaufwirtschaft hinausgehen, einschließlich Arbeitsschutz und formalen Zertifizierungsrahmen. Wir sind es gewohnt, praxisnahe Experten mit starker lokaler Verankerung zu sein; dieses Projekt hat uns herausgefordert und gleichzeitig neue Lernmöglichkeiten eröffnet.
Während des gesamten Projekts und insbesondere bei der Konzeption und Organisation dieser Masterclass verspürten wir das Bedürfnis, unseren Kernfokus einzubringen und zu diskutieren, warum die Kreislaufwirtschaft ein zentraler Hebel in der grünen und digitalen Transformation ist. Diese Erkenntnisse ergaben sich organisch aus den Diskussionsrunden, ohne dass sie aufgezwungen werden mussten.
Wenn Fachleuten Zeit und Raum gegeben wird, um frei über diese kritischen Themen zu diskutieren, entstehen neue Ideen, und individuelle Bedenken werden als gemeinsame Herausforderungen erkannt. Die Teilnehmer gingen inspiriert, motiviert und gestärkt nach Hause, um den Wandel voranzutreiben. Das Finden von Gemeinsamkeiten durch aktives Zuhören und gemeinsame Anstrengungen bleibt die Grundlage für eine langfristige Transformation.



