Interview mit Roland Stelzer, Happylab Wien

Stell dich und deine Organisation kurz vor: Wer seid ihr, was macht ihr genau und was ist eure Kernmission in ein paar Sätzen?

Mein Name ist Roland Stelzer, ich bin Co-Founder und Geschäftsführer von Happylab. Happylab ist ein Makerspace, also eine offene Werkstatt, in der Menschen Zugang zu digitalen Produktionsmaschinen, Werkzeugen, Know-how und einer Community bekommen. Bei uns können Mitglieder rund um die Uhr mit 3D-Druckern, Lasercuttern, CNC-Fräsen, Elektronik, Holz- und Metallwerkstatt an eigenen Ideen arbeiten.

Unsere Kernmission ist sehr einfach: Wir wollen Menschen befähigen, Dinge selbst zu machen, zu reparieren, weiterzuentwickeln und zu verstehen. Nicht jede Idee muss sofort ein Start-up werden und nicht jedes kaputte Objekt muss im Müll landen. Aber jede Person sollte die Möglichkeit haben, vom reinen Konsumieren ins aktive Gestalten zu kommen.

Gab es ein konkretes Objekt, eine Szene in einer Werkstatt oder eine Beobachtung im Alltag, bei der du dachtest: Die Art, wie wir als Gesellschaft konsumieren, alles neu kaufen und wegen Kleinigkeiten wegwerfen, ist schlichtweg absurd? Welches Problem im linearen System wolltet ihr lösen?

Für mich war es weniger ein einzelnes Objekt, sondern eine wiederkehrende Beobachtung: Viele Dinge scheitern nicht daran, dass sie wirklich kaputt oder unbrauchbar sind, sondern daran, dass niemand mehr Zugang zu Werkzeug, Ersatzteilen, Wissen oder Zeit hat. Ein kleines Kunststoffteil bricht, ein Gehäuse ist nicht mehr lieferbar, eine Halterung passt nicht – und plötzlich wird ein ganzes Produkt ersetzt.

Das ist absurd, weil die eigentliche Ressource oft noch vorhanden ist. Das Problem im linearen System ist: Produktion und Konsum sind entkoppelt. Die meisten Menschen wissen nicht mehr, wie Dinge entstehen, wie sie aufgebaut sind oder wie sie verändert werden können. Genau da setzen wir an. Wenn man Zugang zu Maschinen, Wissen und einer unterstützenden Community schafft, wird aus „wegwerfen und neu kaufen“ sehr oft „verstehen, reparieren, verbessern oder neu denken“.

Was sind eure größten Erfolge bisher?

Ein großer Erfolg ist sicher, dass aus einer kleinen Kellerwerkstatt eine professionelle offene Werkstatt-Infrastruktur geworden ist, die heute zu den größten Maker-Communities Europas zählt. Happylab hat aktuell Standorte in Wien und Berlin und über 2.000 Mitglieder. In Wien betreiben wir heute einen rund 900 m² großen Makerspace mit 24/7-Zugang, Werkstätten, digitalen Produktionsmaschinen, Coworking und Schulungsangeboten.

Besonders greifbar werden unsere Erfolge in den Nutzungszahlen. Im Rahmen des Happylab Innovation Cluster haben 2.278 Personen ihre Projekte bei uns umgesetzt. Die Maschinen wurden in diesem Zeitraum 282.104 Mal verwendet. Insgesamt kamen 107.261 Maschinenstunden zusammen, davon 57.169 Stunden 3D-Druck. Das sind nicht nur beeindruckende Zahlen, sondern auch sehr viele Momente, in denen Menschen Dinge selbst entwickelt, repariert, getestet oder in Kleinserie umgesetzt haben.

Dazu kommen unzählige Projekte aus der Community: Prototypen von Start-ups, Architekturmodelle, Möbel, Ersatzteile, Kunstprojekte, Bildungsprojekte, Produkte in Kleinserie und Experimente, die es ohne offenen Zugang zu dieser Infrastruktur wahrscheinlich nie gegeben hätte.

Gibt es eine bestimmte Anekdote aus der täglichen Arbeit mit eurer Community oder der Politik, die du immer wieder erzählst, weil sie den Sinn eures Projekts perfekt auf den Punkt bringt?

Was ich immer wieder erzähle, ist dieser typische Moment, wenn jemand zum ersten Mal ins Happylab kommt und sagt: „Ich bin eigentlich nicht technisch.“ Zwei Wochen später steht dieselbe Person am Lasercutter, baut ein eigenes Objekt, diskutiert Materialstärken und hilft vielleicht schon der nächsten Person weiter.

Das zeigt für mich den eigentlichen Sinn des Projekts. Es geht nicht nur um Maschinen. Es geht um Selbstwirksamkeit. Menschen merken: Ich kann Dinge verstehen. Ich kann etwas herstellen. Ich kann ein Problem lösen, ohne darauf zu warten, dass ein fertiges Produkt am Markt existiert.

Gerade in einer Zeit, in der Technologie oft als Blackbox erlebt wird, ist das enorm wichtig. Ein Makerspace öffnet diese Blackbox ein Stück weit. Er macht Technologie physisch, zugänglich und sozial.

Was war die größte finanzielle oder regulatorische Hürde beim Aufbau einer offenen Werkstatt-Infrastruktur in Wien und wie habt ihr sie geknackt?

Die größte Hürde war sicher, dass ein professioneller Makerspace eine sehr kapitalintensive Infrastruktur ist, aber gleichzeitig niederschwellig und leistbar bleiben soll. Hochwertige Maschinen, Sicherheitssysteme, Raum, Personal, Wartung, Schulungen und Versicherung kosten viel Geld. Würde man diese Kosten eins zu eins auf die Nutzer*innen umlegen, wäre das Angebot nicht mehr offen und inklusiv.

Beim neuen Standort im Stuwerviertel war deshalb die Finanzierung entscheidend. Wir haben insgesamt rund 1,5 Millionen Euro investiert. Die Hälfte davon kam aus Eigenmitteln, die andere Hälfte über Förderungen durch FFG und Wirtschaftsagentur Wien. Das war der Hebel, um aus einer klassischen offenen Werkstatt eine professionelle Innovationswerkstatt zu machen, die auch für Start-ups, KMU und anspruchsvollere Projekte funktioniert.

Regulatorisch ist die Herausforderung, dass man eine Werkstatt betreibt, die öffentlich zugänglich ist, aber mit Maschinen arbeitet, die normalerweise in sehr kontrollierten industriellen Umgebungen stehen. Die Lösung war ein sehr konsequentes System aus Einschulungen, Zugangsberechtigungen, Dokumentation, klaren Regeln und einer Kultur der Verantwortung. Offenheit funktioniert nur, wenn Sicherheit und Qualität professionell organisiert sind.

Wie erreicht ihr eure Zielgruppe effektiv? Welche Kommunikationswege funktionieren für euch am besten und warum?

Unsere Zielgruppe ist sehr divers: Studierende, Designerinnen, Architektinnen, Künstlerinnen, Start-ups, KMU, Schülerinnen, Lehrlinge, Hobby-Maker, Reparaturinteressierte und Menschen, die einfach ein konkretes Problem lösen wollen. Deshalb funktioniert kein einzelner Kanal allein.

Sehr wichtig sind für uns Social Media, weil dort Projekte sichtbar werden. Wenn Menschen sehen, was andere gebaut haben, entsteht sofort die Frage: „Könnte ich das auch?“ Newsletter funktionieren gut für unsere bestehende Community, etwa für Workshops, neue Maschinen oder Open Calls. Klassische PR ist wichtig, um ein breiteres Publikum zu erreichen und das Thema Making aus der Nische zu holen. Events, Führungen und offene Formate sind aber wahrscheinlich am stärksten, weil man die Atmosphäre eines Makerspace schwer abstrakt erklären kann. Man muss den Raum sehen, die Maschinen hören und die Projekte anfassen.

Am besten funktioniert Kommunikation immer dann, wenn nicht wir erklären, wie großartig unsere Infrastruktur ist, sondern wenn echte Projekte aus der Community sichtbar werden.

Wie wichtig ist eine starke visuelle Identität für euren Erfolg? Was hat geholfen, ein breiteres Publikum anzusprechen?

Eine starke visuelle Identität ist sehr wichtig, aber nicht im Sinne von Hochglanz. Sie muss Vertrauen schaffen und gleichzeitig vermitteln: Das ist ein Ort, an dem ich willkommen bin, auch wenn ich noch keine Expertin oder kein Experte bin.

Maker-Kultur kann schnell sehr technisch, männlich und einschüchternd wirken. Eine klare, freundliche und zugängliche Kommunikation hilft, diese Schwelle zu senken. Wir haben gelernt, nicht nur Maschinen zu zeigen, sondern Menschen, Projekte und konkrete Anwendungssituationen. Ein Lasercutter ist für viele abstrakt. Ein selbst gebautes Möbelstück, ein repariertes Teil, ein Schmuckstück oder ein Prototyp erzählt sofort eine Geschichte.

Die Marke hilft also dabei, aus „High-Tech-Werkstatt“ einen Möglichkeitsraum zu machen.

Wie bewertet ihr die Unterstützung durch die Stadt Wien? Agiert die Verwaltung als Enabler oder eher als Bremse? Gibt es spezifische Netzwerke, ohne die euer Modell so vielleicht gar nicht funktionieren würde?

Unsere Erfahrung mit Wien ist überwiegend positiv. Natürlich gibt es in jeder Verwaltung Prozesse, die dauern und manchmal Geduld verlangen. Aber grundsätzlich haben wir Wien als Stadt erlebt, die offene Innovationsinfrastruktur, Start-ups, Bildung, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft ernst nimmt.

Ohne Netzwerke wie die Wirtschaftsagentur Wien, die FFG, Bildungsinstitutionen, Design- und Kreativnetzwerke sowie europäische Programme wäre unser Modell in dieser Form deutlich schwieriger umzusetzen gewesen. Ein Makerspace ist kein klassisches Unternehmen, aber auch keine klassische Bildungseinrichtung und kein reines Kulturprojekt. Er liegt genau dazwischen. Deshalb braucht es Partner, die hybride Modelle verstehen.

Die Stadt und ihre Institutionen waren für uns an entscheidenden Punkten Enabler – vor allem dort, wo es darum ging, Infrastruktur aufzubauen, die nicht nur einzelnen Unternehmen hilft, sondern einem ganzen Innovationsökosystem.

Was an eurem Konzept ließe sich als Blaupause sofort auf andere europäische Städte übertragen und was ist vielleicht zu spezifisch für Wien, um es woanders zu kopieren? Welche Learnings gab es bei der Expansion, etwa nach Berlin?

Übertragbar ist vor allem das Grundprinzip: niederschwelliger Zugang zu professioneller Produktionsinfrastruktur, kombiniert mit Einschulungen, Community, 24/7-Zugang und einem klaren Selbstmach-Ansatz. Auch das Mitgliedschaftsmodell, die standardisierten Einschulungen, die Kombination aus Werkstatt und Coworking sowie die klare Trennung zwischen „Wir produzieren nicht für dich“ und „Wir befähigen dich, selbst zu produzieren“ lassen sich gut übertragen.

Nicht eins zu eins kopierbar sind Standortlogik, Förderlandschaft, Immobilienpreise, Verwaltungskultur und lokale Zielgruppen. In Wien funktioniert vieles über langfristige Netzwerke, öffentliche Innovationsförderung und eine relativ starke Kultur der institutionellen Kooperation. In Berlin ist die Szene größer, internationaler und stärker fragmentiert. Dort muss man noch klarer positionieren, für wen man da ist und wie man sich in ein bereits sehr dichtes Kreativ- und Start-up-Ökosystem einfügt.

Das wichtigste Learning: Man kann Maschinen und Prozesse kopieren, aber nicht Community. Community muss lokal wachsen. Man braucht vor Ort Menschen, die den Raum tragen, moderieren und übersetzen können.

Kreislaufwirtschaft und Maker-Kultur verlangen unglaublich viel Geduld und oft auch eine gewisse Sturheit. Bist du von Natur aus ein rebellischer Mensch, oder hat die Arbeit mit dem System dich erst dazu gemacht?

Ich würde mich nicht als rebellisch im klassischen Sinn bezeichnen. Aber ich habe sicher eine gewisse Grundskepsis gegenüber dem Satz: „Das geht nicht.“ Happylab ist im Grunde aus genau dieser Haltung entstanden. Wir wollten Zugang zu Maschinen und Werkzeugen, also haben wir ihn geschaffen. Dann haben wir gemerkt, dass andere Menschen denselben Bedarf haben.

Die Arbeit mit dem System macht einen nicht unbedingt rebellisch, aber sie macht einen hartnäckig. Man lernt, dass Veränderung selten durch eine große Geste entsteht, sondern durch viele kleine Schritte: ein Förderantrag, eine Genehmigung, eine Einschulung, ein neues Sicherheitskonzept, ein Gespräch mit einer Institution, ein neues Format für die Community. Man braucht Geduld, aber auch die Bereitschaft, Dinge immer wieder zu erklären.

Wenn man tagtäglich sieht, was Menschen selbst reparieren oder bauen können, wenn man ihnen nur die Maschinen gibt: Verändert das den Blick, wie du privat durch die Stadt spazierst? Siehst du Schaufenster, kaputte Gegenstände und den Konsumzwang jetzt mit anderen Augen?

Ja, absolut. Wenn man jeden Tag sieht, was Menschen selbst herstellen können, verändert sich der Blick auf Produkte. Man sieht nicht mehr nur fertige Dinge, sondern Material, Konstruktion, Verbindungen, Schwachstellen und Möglichkeiten

Ich ertappe mich oft dabei, dass ich bei einem Gegenstand denke: Das könnte man reparieren. Das könnte man besser konstruieren. Dieses Ersatzteil könnte man drucken. Diese Halterung könnte man fräsen. Dieser Defekt müsste nicht das Ende des Produkts sein.

Gleichzeitig wird einem bewusster, wie stark unser Alltag auf Bequemlichkeit und Austauschbarkeit ausgerichtet ist. Viele Dinge sind so gestaltet, dass Reparatur unattraktiv oder fast unmöglich wird. Die Maker-Perspektive ist da ein Gegengewicht: Sie zeigt, dass Konsum nicht die einzige Beziehung ist, die wir zu Dingen haben können.

Wenn du die ursprüngliche Idee mit der heutigen Realität vergleichst: An welchem Punkt musstest du das Konzept am stärksten anpassen, weil die Theorie der Praxis nicht standgehalten hat?

Am stärksten mussten wir die Idee anpassen, dass ein Makerspace einfach durch offenen Zugang funktioniert. Am Anfang denkt man: Man stellt Maschinen hin, macht die Tür auf, und die Community organisiert sich schon. In der Praxis braucht Offenheit sehr viel Struktur.

Wir haben gelernt, dass ein guter Makerspace nicht nur aus Maschinen besteht, sondern aus Prozessen: Einschulungen, Reservierungssysteme, Wartung, Sicherheit, Kommunikation, Community-Management, klare Regeln und guter Support. Je professioneller die Infrastruktur wird, desto wichtiger wird diese unsichtbare Arbeit im Hintergrund.

Die zweite Anpassung war die Zielgruppe. Ursprünglich kamen vor allem technologieaffine Bastlerinnen und Maker. Heute arbeiten bei uns auch Start-ups, Designerinnen, Künstlerinnen, Studierende, Schulen, KMU und Menschen ohne technische Vorerfahrung. Das hat unsere Sprache, unsere Formate und unsere Verantwortung verändert. Wir müssen nicht nur Expertinnen bedienen, sondern Einstieg ermöglichen.

Die Grundidee ist aber gleich geblieben: Menschen sollen Zugang zu Werkzeugen, Wissen und Community bekommen, damit sie ihre Ideen selbst umsetzen können. Nur wissen wir heute viel besser, wie viel professionelle Infrastruktur nötig ist, damit diese Freiheit wirklich funktioniert.


Roland Stelzer
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