Die Circular Economy (CE) in der Berliner Bildungslandschaft zu etablieren, erfordert eine langfristige, engagierte strukturelle Anstrengung. Veränderungen nachhaltig in ein Bildungssystem zu tragen, ist durchaus ein Kraftakt. Das Schulsystem ist komplex, und die Einführung neuer Themen neben starren administrativen Vorgaben verlangt von allen Beteiligten viel Aufwand.
When we launched the “Fit für Circular Economy” (FFCE) project (funded under the Masterplan Industriestadt Berlin), our goal was to find practical ways to integrate circularity into vocational training (Berufsbildung) and provide teachers with usable formats for their classrooms.
Welche Erkenntnisse wir auf diesem Weg gewonnen haben, welche Herausforderungen bleiben und welche Empfehlungen wir für die Zukunft aussprechen, fassen wir hier zusammen.

Der Weg in die Schulen
Gleich zu Beginn bestand die erste große Hürde darin, überhaupt in die Schulen hineinzukommen. Institutionen ohne eine persönliche Einführung oder über „Kaltakquise“ anzusprechen, funktioniert schlichtweg nicht. Der Erfolg hängt vollständig von etablierten Netzwerken und internen Zugängen ab. Für externe Akteure wie uns ist es eine enorme Herausforderung, intern die „Gatekeeper“ zu finden, die bereit sind, neue Bildungsmodelle überhaupt zu testen. Wir empfehlen deshalb dringend, frühzeitig mit der Senatsverwaltung für Bildung zu kooperieren, um die richtigen Türen zu öffnen.
Abkehr von sporadischen „Nachhaltigkeits“-Unterrichtsstunden
Eine unserer wichtigsten frühen Beobachtungen war, dass die Circular Economy schlicht nicht systematisch in den Unterricht integriert ist. Sie taucht allenfalls sporadisch in verschiedenen Lehrplänen unter dem allgemeinen Deckmantel der „Nachhaltigkeit“ auf.
Zukünftige Fachkräfte brauchen aber mehr als einzelne, abstrakte Vorträge. Der Übergang von linearer Theorie zu praktischer, branchenspezifischer Anwendung erfordert gezielt eingeräumte Zeit. Ein echtes Verständnis der Circular Economy, insbesondere, wenn wir greifbare Anwendungen aufzeigen wollen, lässt sich nicht in einer einzigen Stunde vermitteln.
Neue Lehrinhalte lassen sich jedoch nicht einfach von oben herab diktieren. Die Berliner Bildungslandschaft schätzt die Lehrmittelfreiheit. Das ist gut, bedeutet aber auch, dass Vorgaben auf dem Weg in die Klassenzimmer oft stecken bleiben. Lehrkräfte stehen zudem unter immensem Druck, den Kernlehrplan zu schaffen und die Auszubildenden auf ihre obligatorischen Kammerprüfungen vorzubereiten. Wenn die Zeit knapp ist, fallen ergänzende Themen einfach unter den Tisch. Um dieser Realität gerecht zu werden, haben wir gelernt: Lerneinheiten müssen gemeinsam mit Pädagoginnen und Pädagogen entwickelt und als Mikro-Sitzungen (maximal 90 Minuten) konzipiert werden. Diese müssen flexibel genug sein, um als „Plug-and-Play“-Material zu dienen, falls eine Lehrkraft krank wird, oder um sich organisch in bestehende Kernfächer wie Chemie, Biologie oder Wirtschaft einzufügen.

Integration statt isolierter Kurse
Bei der Frage, ob Circular Economy als eigenständiger Kurs unterrichtet oder blockweise in den bestehenden Rahmen integriert werden sollte, gab unser Expertenpanel eine einheitliche Antwort: Das Thema muss dynamisch über mehrere bestehende Fächer hinweg integriert werden. Dieser Ansatz ist universell für alle Bildungsebenen relevant, nicht nur für Berufsschulen.
Unsere Pilotprojekte an der Emil-Fischer-Schule (Fokus zirkulare Ernährungssysteme),und der Max-Bill-Schule (Fokus zirkuläres Bauen) haben gezeigt, dass die Hürden für die Einführung drastisch sinken, wenn Lehrkräfte mit hochwertigen, praktischen Ressourcen unterstützt werden. Wir müssen jedoch die Zeit der Lehrkräfte konsequent schützen. Module zur Circular Economy dürfen sich nicht wie eine administrative Last anfühlen; sie müssen sich nahtlos in prüfungsrelevante Rahmenbedingungen einfügen und gleichzeitig einen spürbaren Mehrwert bieten.
Ein weiterer entscheidender Punkt für alle Bildungseinrichtungen ist die absolute Notwendigkeit der Praxis. Lernende müssen die funktionalen Elemente erkennen, die direkt mit ihrem zukünftigen Beruf verknüpft sind. Dies gilt für Berufsschüler, die praktische Prozesse wie das Auf- und Abbauen oder die zirkuläre Auswahl von Materialien verstehen müssen, ebenso wie auf universitärer Ebene für das Verständnis von zirkulärem Unternehmertum und der Gestaltung zukünftiger Business-Lösungen.

Die Marktlücke für Absolventen
Ein hartnäckiges Problem ist der aktuelle Arbeitsmarkt, der nur sehr wenige klar definierte Karrierepfade in der Circular Economy bietet. Viele junge Berufstätige sehen sich nach ihrem Abschluss mit einer frustrierend linearen industriellen Realität konfrontiert. Aus diesem Grund arbeitet Circular Berlin parallel an der Förderung eines zirkulären Marktes,um Unternehmen dazu zu bewegen, diese Praktiken zeitgleich zu übernehmen.
Indem wir Studierende aus den Hörsälen herausholen und sie an lebendige, außerschulische Lernorte wie aktive Zero-Waste Küchen oder zirkuläre Baustellen bringen, verwandeln wir abstrakte Konzepte in erlebbare Blaupausen. Zirkuläre Vorzeigeprojekte, offene Werkstätten und innovative regionale Unternehmen sollten formell als anerkannte Lernorte integriert werden.
Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die über 99 % der Berliner Unternehmenslandschaft ausmachen, muss sich die Weiterbildung in einen oft chaotischen Arbeitsalltag einfügen. Geschäftsinhaber:innen und überlastete Mitarbeitende investieren nur dann Zeit in Schulungen, wenn das Material stark vereinfacht ist, unmittelbare operative Probleme (wie steigende Materialkosten) anspricht und einen klaren Return on Investment (ROI) bietet.



Kernempfehlungen
Um diese Vision dauerhaft zu verankern, haben wir unsere Erkenntnisse in zentralen Empfehlungen gebündelt. Wir glauben, dass die Berufsbildung einen massiven, bisher zu wenig genutzten Vorteil besitzt: Sie ist von Natur aus handlungsorientiert. Indem wir jungen Berufstätigen zeigen, was sie durch kleine, praktische Anpassungen in ihrem täglichen Handwerk erreichen können, fördern wir ein tiefes Gefühl von persönlicher Handlungsfähigkeit und Unternehmertum.
Zirkuläre Bildung ist letztlich eine Form des gesellschaftlichen Empowerments, die der nächsten Generation vermittelt, dass sie die Werkzeuge hat, um die Zukunft aktiv mitzugestalten.
Politische Rahmenbedingungen & öffentliche Unterstützung
- Der Senat sollte Circular Economy formell in den offiziellen Rahmenlehrplänen der Berufsbildung verankern und dabei die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) sowie die Twin Transformation (Digital & Grün) betonen. Die Lehrpläne sollten neben dem physischen Materialhandling auch digitale Kompetenzen beinhalten, wie etwa den Umgang mit dem digitalen Produktpass.
- Das Land sollte finanzielle Unterstützung für flexible, modulare berufliche Weiterbildungen bereitstellen. Dazu gehören staatlich geförderte Circular Economy-Initialberatungen für KMU, um Investitionsrisiken zu senken.Initialberatung) for SMEs to lower investment risks.
- Kammern (IHK, HWK), Innungen, Berufsschulen und Gewerkschaften müssen an einem Strang ziehen. Insbesondere Gewerkschaften sind aufgrund ihres direkten Zugangs zur Belegschaft unverzichtbare Partner, um eine echte strukturelle Verankerung statt oberflächlichem Marketing zu gewährleisten.

Institutionelle Leitlinien über das gesamte Bildungsspektrum hinweg
Berufsschulen & Ausbildung
- Lernformate direkt mit Lehrkräften entwickeln, um die Nutzbarkeit und das selbstgesteuerte Lernen zu gewährleisten (angelehnt an erfolgreiche Initiativen wie den Klimakoffer).
- Interne Unterrichtsmaterialien und didaktische Jahrespläne Peer-to-Peer teilen, um ein gemeinsames Curriculum aufzubauen und Synergien für Circular Economy-Inhalte zu finden.
- Aktive Netzwerke mit der Wirtschaft aufbauen, um die Einbindung von praktischem zirkulärem Wissen zu maximieren.
- Der Ohnmacht junger Menschen angesichts des Klimawandels („Ich kann ja eh nichts ändern“) entgegenwirken, indem Lehrpläne bewusst ihre kollektive Rolle bei der Veränderung des eigenen Handwerks aufzeigen.
Hochschulen & akademische Institutionen
- Etablierung institutionsübergreifender Projekt-Challenges und Wettbewerbe, die Universitäten direkt mit Berufsschulen und der Handwerkskammer (HWK) verbinden.
- Grundlegende Prinzipien der Circular Economy in allgemeine Studiengänge integrieren (z. B. in angewandten Marketingkursen mit Fokus auf zirkuläre Validierung) und die Theorie durch obligatorische Exkursionen und Gastvorträge bereichern.
- Als Best Practice vorangehen, beispielsweise im Bereich der zirkulären öffentlichen Beschaffung.
Continuing Education & Enterprise Reskilling
- Kommende digitale Themen wie KI und Automatisierung gezielt mit Ressourceneffizienz verknüpfen, um als operativer Beschleuniger zu wirken.
- Priorisierung kurzer Module, digitaler Barrierefreiheit und Erprobung direkt am Arbeitsplatz, um den Anforderungen in stressigen KMU-Umgebungen gerecht zu werden.
- Reale, lokale betriebliche Hürden adressieren, um den finanziellen Nutzen für die Unternehmensführung sofort transparent und deutlich zu machen.
Nutzung des „Fit für Circular Economy“ Bildungstoolkits
Um diese Ansätze stadtweit zu skalieren, veröffentlichen wir unsere neu entwickelten Lernmaterialien für die Bereiche Zirkuläres Bauen und Zirkuläre Ernährung als Open-Source-Ressourcen.
Diese Module sind als Plug-and-Play-Lösungen konzipiert, sodass Lehrkräfte, Ausbilder:innen oder Nachhaltigkeitsmanager:innen sie direkt in ihre Programme integrieren können. Das Toolkit bietet strukturierte Verlaufspläne, Präsentationsfolien und praktische Übungen.



Zugang zu den Ressourcen
Du kannst das Open-Source-Toolkit herunterladen, indem du unsere Projektseite und die Ressourcenseite besuchst.




