Interview with Nicola Barke von fairKauf eG

The interview is part of the EUKI project:

Was genau macht ihr, und warum habt ihr euch für die Rechtsform einer Genossenschaft (eG) entschieden? Was ist der Vorteil davon, dass normale Bürger:innen Anteile halten, im Vergleich zu einem klassischen Unternehmen?

Engagement vor Ort. Einbeziehung der Stadtgesellschaft, von der auch der Erfolg der Genossenschaft abhängt: Lieferung von Sachspenden, Einkauf von Waren, ehrenamtliche Mitarbeit. Größerer Bekanntheitsgrad vor Ort, Kenntnis des Unternehmenszweck führt zu größerer Akzeptanz.

Die fairKauf eG verbindet soziale Verantwortung, Nachhaltigkeit und wirtschaftliches Handeln. In unseren acht Secondhand-Kaufhäusern verkaufen wir gut erhaltene Sachspenden und qualifizieren gleichzeitig langzeitarbeitslose Menschen für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Unser Ziel ist es, Menschen neue berufliche Perspektiven zu eröffnen und gleichzeitig Ressourcen zu schonen.

Die Genossenschaftsform ist dafür die ideale Rechtsform. Sie steht für Mitbestimmung, demokratische Entscheidungen und gesellschaftliche Verantwortung. Bei uns gilt: Ein Mitglied – eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Beteiligung. Unsere Mitglieder gestalten die Entwicklung der Genossenschaft aktiv mit. Anders als bei einem klassischen Unternehmen steht nicht die Gewinnmaximierung im Mittelpunkt, sondern der nachhaltige Nutzen für Mensch, Gesellschaft und Umwelt.

Gab es eine konkrete Beobachtung im Alltag, vielleicht bei Haushaltsauflösungen oder beim Sperrmüll, bei der klar wurde: Wir müssen dem Wegwerfen von intakten Dingen ein professionelles System entgegensetzen?

Die Idee für ein Secondhand-Kaufhaus entstand zu einer Zeit der steigenden Arbeitslosenzahlen und der Erkenntnis, dass es zu wenig Unterstützung für Menschen mit sinkender Kaufkraft gibt. Bei der Suche nach Lösungsansätzen für das Problem war schnell klar, dass es eine sich selbst tragende, nachhaltige und zukunftsgerichtete Lösung sein muss.

Die bisherigen Anlaufstellen, wie z.B. Kleiderkammern, Tafeln etc. wurden unserem Menschenbild nicht vollständig gerecht. Sie sind zwar nach wie vor notwendig, aber die Würde des Menschen wird aus unserer Sicht nicht ausreichend beachtet, indem Almosen verteilt werden.

Der Lösungsweg wurde durch Beobachtungen gefunden, dass täglich viele gut erhaltene Möbel, Haushaltsgegenstände oder Elektrogeräte entsorgt werden, obwohl sie noch problemlos genutzt werden könnten. Gleichzeitig gab es viele Menschen, die sich Neuanschaffungen kaum leisten konnten. Daraus entstand der Gedanke, ein professionelles System zu schaffen, das beides verbindet: Wiederverwendung statt Wegwerfen und gleichzeitig Qualifizierung sowie Beschäftigung für Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt. Und beides stützt den ursprünglichen Ansatz, Menschen mit geringem Einkommen zu unterstützen. Zusätzlich wird der Gedanke der Ressourcenschonung in den Fokus gerückt.

Ihr kommuniziert auf eurer Webseite sehr deutlich, dass ihr nur intakte, gut erhaltene Möbel, Elektroartikel und Hausrat annehmt. Wie schwer ist es im Alltag, den Menschen klarzumachen, dass fairKauf keine kostenlose Entsorgungsstation für kaputten Sperrmüll ist?

Das ist tatsächlich eine unserer größten Herausforderungen. Viele Menschen verwechseln eine Spende leider mit einer kostenlosen Entsorgung. Dabei verursacht die Entsorgung beschädigter oder verschmutzter Gegenstände für uns erhebliche Kosten – Personalkosten, Entsorgungskosten, Transport- und Lagerkapazitäten.

Als gemeinnützige Genossenschaft möchten wir unsere Mittel jedoch in unsere soziale Arbeit investieren und nicht in Müllentsorgung. Deshalb informieren wir sehr transparent darüber, welche Sachspenden wir annehmen können. Die meisten Menschen haben Verständnis dafür, wenn wir erklären, dass wir nur Dinge über-nehmen können, die wir auch weiterverkaufen können.

Ein zentraler Punkt von fairKauf ist die Qualifizierung und Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Geflüchteten. Wie schwer ist der Spagat, einerseits ein unternehmerisch erfolgreiches Kaufhaus zu betreiben und andererseits den Mitarbeitenden den nötigen sozialpädagogischen Raum zu geben?

Dieser Spagat gehört zu unserem Alltag. Es gilt die Balance zu finden zwischen sozialer Zielsetzung/Qualifizierung und Umsatz, damit alles finanziert werden kann. Unsere Mitarbeitenden bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit, sowohl die sozialversicherungspflichtig Angestellten, als auch die in Beschäftigungsförde-rungsmaßnahmen. Die Maßnahme-Teilnehmenden benötigen teilweise intensive Begleitung. Deshalb arbeiten bei uns Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen eng mit den Fachanleitungen zusammen.

Wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung schließen sich dabei nicht aus – im Gegenteil. Unsere Qualifizierung findet direkt im Arbeitsalltag statt. Das erfordert Geduld, Zeit und Flexibilität, ist aber genau das, was fairKauf ausmacht. Qualifi-zierung für die Praxis in der Praxis durch Integration ins Team.

Unser Stammpersonal ist nicht nur fachlich gut geschult, sondern bekommt auch ausreichend Möglichkeit sich persönlich weiterzuentwickeln, um das notwendige Handwerkszeug für den Alltag bei fairKauf zu haben. Das geht los mit Erste-Hilfe-, Brandschutz-, Suchtpräventionsschulungen über Ausbildereignungsprüfung, Coaching für Anleitende und Führungskräfteschulung bis zu Resilienz-Workshops, Ausbildung zu seelischen Ersthelfern und Rehabilitationspädagogischer Zusatzausbildung.

Ungewöhnliche Vorkommnisse sind bei uns durchaus häufiger, als in anderen Unternehmen, können aber durch unsere Anleitenden gut gehändelt bzw. gleich vermieden werden.

Bei euch darf jede:r einkaufen, aber Menschen mit geringem Einkommen bekommen zusätzlich 20 % Rabatt. Wie wichtig ist es für das Konzept, dass in euren Häusern Schnäppchenjäger und Menschen, die wirklich auf günstige Waren angewiesen sind, aufeinandertreffen?

Das ist sogar ein wesentlicher Bestandteil unseres Konzepts. Unsere Kaufhäuser sind bewusst für alle Menschen geöffnet. Dadurch entsteht ein lebendiger Mix unterschiedlicher Kundengruppen. Menschen mit geringem Einkommen profitieren zusätzlich von unserem Sozialrabatt, gleichzeitig entdecken viele Kundinnen und Kunden Secondhand aus Überzeugung oder Nachhaltigkeitsgründen. Diese Vielfalt trägt dazu bei, Berührungsängste abzubauen und zeigt, dass Nachhaltigkeit und soziale Teilhabe alle Menschen verbinden können.

Besonders wichtig ist auch, dass bei uns niemand ausgegrenzt wird. Es gibt keine Diskriminierung. Da jede:r bei uns einkaufen kann, sind die Kund:innen nicht als „Bedürftige“ abgestempelt, nur weil sie bei uns durch die Tür gehen. Gleichzeitig hat der normale Kundenmix den Vorteil, dass wir in Beratungsgesprächen und Abläufen eben ein ganz normaler Einzelhandel sind, so dass unsere Qualifizierungsteil-nehmenden und Auszubildenden auch für andere Arbeitgeber gerüstet sind. Die Schnäppchenjäger bringen zusätzlich Warenspenden und wichtigen Verkaufs-umsatz, um die Finanzierung nachhaltig zu sichern.

Düften wir nur an „Bedürftige“ verkaufen, würde das nachhaltige Konzept nicht mehr funktionieren. Wir wären dann nur ein Projekt, das mit Ende des Projektgeldes eben auch beendet wäre. So sind wir ein gemeinnütziges Unternehmen, dass Kaufhäuser zur Qualifizierung von langzeitarbeitslosen Menschen betreibt und dieses aus dem eigenen Umsatz finanziert.

Ihr betreibt acht Standorte in und um Hannover und seid damit eine der größten Initiativen dieser Art. Habt ihr konkrete Zahlen, wie viele Menschen durch euch den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt geschafft haben? Und: Was hindert uns daran, ein System wie fairKauf in jeder deutschen Großstadt aufzubauen?

Seit unserer Gründung haben mehrere tausend Menschen an Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen bei fairKauf teilgenommen. Ein großer Teil von ihnen konnte anschließend wieder eine Beschäftigung aufnehmen oder in eine Ausbildung starten.

Rund 80 Prozent unserer sozialversicherungspflichtig Beschäftigten waren früher selbst arbeitslos, z.T. langzeitarbeitslos. D.h. wir haben bei fairKauf selbst zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.

Ein Modell wie fairKauf lässt sich grundsätzlich auch an anderen Standorten umsetzen. In vielen Städten wird das auch praktiziert, allerdings hauptsächlich in anderen Gesellschaftsformen oder unter dem Dach eines Trägers. Voraussetzung sind starke, engagierte und mutige Partner aus Politik, Finanzverwaltung, Jobcenter, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie ein langfristiger Finanzierungsansatz. Kooperationen aufzubauen benötigt Zeit und gemeinsames Engagement.

Wie finanziert sich dieses riesige Konstrukt aus Läden, Logistik und Personalbetreuung letztendlich? Und wie erlebt ihr die Unterstützung durch die Stadtverwaltung Hannover oder das Jobcenter – sind das Treiber eurer Idee oder kämpft ihr oft mit Bürokratie?

Unsere Finanzierung basiert auf mehreren Säulen. Den größten Anteil erwirtschaften wir durch den Verkauf unserer Secondhand-Waren selbst.

Hinzu kommen Gelder von Institutionen, für die wir Dienstleistungen erbringen, z.B. Fördermittel für Qualifizierungsmaßnahmen wie AGH (Arbeitsgelegenheiten) durch das JobCenter. Diese decken i.d.R. die Kosten für unsere Sozialarbeiter:innen und anteilig für Anleitende. In enger Zusammenarbeit mit Jobcenter, Arbeitsagentur, Reha-Trägern erhalten wir Zuschüsse für die Einstellung von Langzeitarbeitslosen. Diese kann jedoch jedes Unternehmen erhalten, wenn sie sich die Mühe der Einarbeitung und Unterstützung machen wollen. Die Stadt Hannover unterstützt die Ausbildung von jungen Menschen mit Vermittlungshemmnissen durch einen möglichen Ausbildungszuschuss.

Wir gewähren Menschen mit geringem Einkommen 20 % Rabatt auf den Verkaufs-preis. 19 % unserer Kunden nehmen das regelmäßig in Anspruch, d.h. wir gewähren knapp 260 T€ Rabatte p.A. Die LHH erstattet uns in den letzten Jahren – je nachdem wie das städtische Säckel gefüllt ist – 30 T€.

Zusätzlich fragen wir vor geplanten Projekten natürlich nach Unterstützung bei Stiftungen, Klosterkammer, Banken etc. Diese Beträge sind insgesamt jedoch zu vernachlässigen.

Diese Partnerschaften/Kooperationen sind für unsere Arbeit unverzichtbar. Gleich-zeitig erleben auch wir die Herausforderungen bürokratischer Prozesse und sich verändernder gesetzlicher Rahmenbedingungen. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Umso wichtiger ist ein kontinuierlicher Dialog zwischen allen Beteiligten, damit soziale Beschäftigungsprojekte langfristig erfolgreich arbeiten können.

Wenn man tagtäglich Tonnen von gespendeten, aber völlig intakten Dingen sortiert: Verändert das den persönlichen Blick auf unsere Konsumgesellschaft? Seht ihr Schaufenster, Black-Friday-Angebote oder Sperrmüll jetzt mit anderen Augen?

Definitiv. Wer täglich erlebt, wie viele hochwertige und funktionierende Gegenstände aussortiert werden, entwickelt automatisch einen anderen Blick auf Konsum. Viele Produkte haben eine deutlich längere Lebensdauer, als sie tatsächlich genutzt werden. Das zeigt, wie wichtig Wiederverwendung und bewusster Konsum sind. Gleichzeitig sehen wir auch, dass der Anteil an nicht reparierbaren Artikeln in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist und die Notwendigkeit hier bewusst gegenzusteuern.

Secondhand ist längst nicht mehr nur eine günstige Alternative, sondern ein aktiver Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz.

Wenn ihr die ursprüngliche Idee, mit der fairKauf 2008 gestartet ist, mit der heutigen Realität vergleicht: An welchem Punkt musstet ihr das Konzept am stärksten anpassen, weil die Theorie der Praxis nicht standgehalten hat?

Gleich in der ersten Verkaufswoche haben wir erkannt, dass unsere Planung - x Kunden kaufen für den Betrag y ein - nur in Bezug auf den geplanten Gesamtumsatz korrekt war. Es haben vom ersten Tag an deutlich mehr Kunden jeden Tag für einen deutlich geringeren Durchschnittswert eingekauft. Somit passte unsere Personalplanung nicht und auch unsere Logistik nicht. Wir mussten so viel schneller wachsen – Mitarbeitende einstellen, Lkw kaufen.

Die Grundidee ist jedoch bis heute unverändert geblieben: Menschen qualifizieren, Ressourcen schonen und gut erhaltenen Dingen ein zweites Leben schenken.

Verändert haben sich die Rahmenbedingungen.

  • - Kontinuierlicher Rückgang der Sachspendenqualität
  • - Steigende Kosten für Personal, Logistik, Entsorgung, …
  • - Fachkräftemangel
  • - Reduzierung der Fördermittel für Beschäftigungsförderung
  • - Steigende Anforderungen durch Bürokratie, Datenschutz, Digitalisierung
  • - Kaufzurückhaltung durch Energiekrise, Wirtschaftskrise, Krieg, …

Deshalb mussten wir – gegen unsere Überzeugung – z.B. unsere Annahmekriterien deutlich verschärfen. Die kontinuierliche Entwicklung der Prozesse und ein Blick für relevante Veränderungen im Umfeld/Geschäftsbereich ist für alle Unternehmen ohnehin eine Grundvoraussetzung, das ist bei uns nicht anders.

Auch die Anforderungen an Qualifizierung und Integration sind vielfältiger geworden. Unsere Stärke liegt darin, dass wir uns diesen Veränderungen anpassen, ohne unsere sozialen Werte und Ziele aus den Augen zu verlieren.